Mit Raketenantrieb in den Sommer, oder über den Summer Body und Sexismus im Fitnessstudio.
„Ich habe mich endlich im Fitnessstudio angemeldet, damit ich mich rechtzeitig auf den Sommer vorbereiten kann. Ich will den perfekten Summer Body erreichen“, verkündete ein sehr lieber Freund stolz beim Mittagessen, an einem scheinbar ganz gewöhnlichen Wochenende.
„Wovon redest du bitte? Was für ein Summer Body? Du hast einen Körper, geh an den Strand, simple as that.
Wie kann es sein, dass du dich diesem gesellschaftlichen Druck beugst, dass Männer wie Frauen auf eine bestimmte, gesellschaftlich vorgegebene Weise aussehen müssen, um den Sommer genießen zu dürfen?“, konnte ich leicht schockiert meinen Mund nicht halten.
Ganz zu schweigen davon, dass er in der Blüte seiner Zwanziger ist und eine völlig normale Figur hat, und so passte schon die bloße Vorstellung, dass er diesem unnötigen Druck nachgibt, Perfektion zu erreichen, was auch immer das heißen mag, einfach nicht zu meinem Bild von der Realität, in der junge Menschen heute leben.
Ich lebte in der Überzeugung, dass wir Millennials die letzte Generation sind, der man eingetrichtert hat, ihren Körper zu hassen und ständig einem apollinischen Ideal hinterherzujagen, das nur mithilfe von Photoshop existiert.
Die Gen Z sollte doch frei sein und sich so annehmen, wie sie ist, oder?
Der zweite Schock war, dass diese Art von „Sorge“ um das Aussehen aus dem Mund eines jungen Mannes kam, denn solche Sätze hatte ich bis dahin fast immer nur von Frauen gehört.
Das hat mir einen neuen Blick auf das ganze Thema eröffnet, denn offensichtlich machen sich auch Männer sehr wohl Gedanken darüber, wie sie auf andere wirken und ob sie irgendeinem unrealistischen Standard der Medien entsprechen.
Rosa Geräte, für die Mädchen
Damit war die Diskussion nicht zu Ende, sie kam erst richtig in Fahrt. Wir fingen an, die Fitnessstudios in der Stadt zu vergleichen, nicht nur nach dem Preis, sondern auch nach dem, was sie bieten. Und dann sagt der junge Mann ganz beiläufig:
„Bei uns im Studio gibt es einen Bereich nur für Frauen, und natürlich sind dort alle Geräte rosa.“
Worauf ich laut nachdenkend sagte:
„Hm, wenn ein Fitnessstudio einen eigenen Bereich für Frauen hat, dann stimmt da gewaltig etwas nicht, das heißt, sie wissen von vornherein, was für Kundschaft zu ihnen kommt, und deshalb ist so ein Schritt nötig.“
„Wie meinst du das?“
„Ich persönlich würde nie in ein Fitnessstudio mit einem eigenen Frauenbereich gehen, denn für mich ist das ein Zeichen, dass Frauen dort nicht sicher sind und deshalb einen eigenen Bereich bekommen.“
Und ich traf genau ins Schwarze, denn er bestätigte meine These:
„Na ja, mir ist aufgefallen, dass es kleine Grüppchen von Männern gibt, die ziemlich laut und unangemessen reagieren und die Frauen kommentieren, die auf dem Weg zu diesem Frauenbereich durchs Studio gehen.“
Da haben wir’s.
And so it begins…
Da mischt sich ein anderer Freund ein, der schon in seinen Dreißigern ist:
„Na ja, es ist wirklich nicht okay, wie manche Frauen heutzutage ins Fitnessstudio kommen. Sie ziehen sich absichtlich provokant an, in engen Leggings und Sport-BHs, und dann ist es ja kein Wunder, dass Männer reagieren.“
Mein Gesicht konnte ich in dem Moment nicht sehen, aber ich nehme an, es war das Gegenstück zu einer Kinnlade, die vor Unglauben auf den Boden fällt, wie im Zeichentrickfilm.
Es war keine Zeit, bis zehn zu zählen oder die „Let them“-Theorie von Mel Robbins anzuwenden. In meinem Kopf ging eine rote Lampe samt Alarm an, und die wütende Feministin musste reagieren, hier und jetzt.
„Männliche Natur“ als Ausrede
„Moment mal, glaubst du wirklich, dass Frauen ins Fitnessstudio gehen, um Männer zu ‚provozieren‘?!“
„Na ja, früher war es so, dass sie sich fürs Training normal angezogen haben, also in Jogginghosen und weiten Shirts kamen, und jetzt hat sich das geändert und sie sind viel zu provokant angezogen. Und dann beschweren sie sich auch noch, wenn man sie kommentiert.“
„Langsam, langsam… Erstens hat eine Frau das Recht, sich so anzuziehen, wie sie will und wie es ihr gefällt, und glaub mir, 99 % der Frauen ziehen sich so an, wie sie es tun, für sich selbst und nicht für Männer, ob sie nun spazieren gehen oder ins Fitnessstudio, das ist egal.
Uns ist wichtig, dass wir uns in unserer Haut wohlfühlen, und nicht, Kommentare zu provozieren, bei denen wir uns unwohl fühlen und um unsere Sicherheit fürchten.
Und zweitens, news flash, Frauen gehen ins Fitnessstudio, um zu trainieren und an IHREM Körper zu arbeiten, und nicht, um kindische Männer zu provozieren.“
„Was erwarten sie denn dann? Es liegt in der Natur des Mannes, auf äußere Reize zu reagieren.“
Da haben wir’s.
„Das ist eigentlich kein Argument, denn Männer sind keine Tiere, die ihre Triebe nicht kontrollieren können. Wenn du aufs Klo musst, bleibst du ja auch nicht mitten auf der Straße stehen und erledigst dein großes Geschäft, oder? Du suchst die nächste Toilette.
Das nennt man, seine natürlichen Triebe zu kontrollieren, und die haben alle Lebewesen, unabhängig vom Geschlecht.
Andererseits reagierst du, genau wie die anderen Männer, auf ‚sexualisierte‘ Reize, weil die GESELLSCHAFT euch erlaubt, unter genau diesem Vorwand zu reagieren. Das hat nichts mit Natur zu tun, überhaupt nichts.
Wie Simone de Beauvoir in ihrem Hauptwerk „Das andere Geschlecht“ sagt:
Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es. Dasselbe gilt für Männer.
Jahrhundertelang durften Männer Männer sein, also „boys will be boys“, während die weibliche Sexualität so weit unterdrückt wurde, dass es am besten wäre, wenn es sie gar nicht gäbe.
Und wenn es sie schon geben muss, dann ausschließlich zur Fortpflanzung oder zum reinen Vergnügen genau der Männer mit ihren ‚natürlichen Trieben‘.
Vergessen wir nicht, dass im westlichen, überwiegend christlichen Teil der Welt das weibliche Ideal die Jungfrau Maria ist, eine Frau, die so vollkommen asexuell ist, dass sie unbefleckt empfangen hat und damit nicht nur die wichtigste weibliche Rolle erfüllt hat, Mutter zu werden, sondern auch zum unerreichbaren Ideal für alle Frauen gemacht wurde, die nach ihr auf diese Welt kamen.
Alle anderen, die nicht danach streben, sind also Huren.
Nach dieser Logik kann eine Frau entweder eine Heilige oder eine Hure sein, dazwischen gibt es nichts. Alles in allem wird eine Frau in der Gesellschaft nur danach definiert, wie ein Mann sie sieht, und nicht danach, wie sie sich fühlt.
Übrigens bist du mit diesem Kommentar nur einen Schritt davon entfernt, eine Vergewaltigung mit der Frage ‚Was hatte sie an?‘ zu rechtfertigen, und ich glaube ehrlich, dass du das nicht willst.“ Ich gebe zu, ich wurde ein klitzekleines bisschen hitzig.
„Das hat doch nichts miteinander zu tun!“
„Da irrst du dich, denn genau solche Prämissen führen zu diesen Rechtfertigungen. Stellen wir es doch mal so dar: Wie würdest du dich fühlen, wenn deine Freundin nach dem Training völlig aufgelöst nach Hause käme, weil ihr irgendwelche Typen im Studio beim Training hinterhergerufen haben? Würdest du sie zuerst fragen ‚Was hattest du an?‘ oder würdest du diesen Idioten am liebsten die Nase brechen?“
„Das ist was anderes!“
„Der Punkt ist, dass es eben nichts anderes ist. Alle Frauen, ob sie eine direkte Verbindung zu dir haben oder nicht, sollten mit Respekt behandelt werden und nicht als Sexobjekte, die für Männerblicke und unverschämte Kommentare geschaffen sind.“
Als Frau, die regelmäßig ins Fitnessstudio geht, weiß ich mit Sicherheit, dass fast keine meiner „Mitstreiterinnen“ mit dem Gedanken zum Training geht: „Was ziehe ich heute an, damit die Männer mich anschauen?“
Ich gehe zum Training, um zu trainieren, für mich, für meine Gesundheit, für meinen Körper und für das gute Gefühl danach.
In letzter Zeit kommt Sofia fast zu jedem meiner Trainings mit. Während ich trainiere, liest sie oder hört ihre Geschichten. Alle sind von ihr begeistert, und ich sehe das Leuchten in ihren Augen, wenn sie mir beim Training zuschaut.
Genau deshalb gehe ich ins Fitnessstudio: um ein Vorbild zu sein, stark und gesund für meine Tochter.
Und ich würde sie bestimmt nicht in ein Gym mitnehmen, in dem sich erwachsene Frauen nicht sicher fühlen, geschweige denn kleine Mädchen.
Ich zahle gern einen hohen Monatsbeitrag und habe mir ein Studio ausgesucht, in dem es keinen „besonderen Bereich mit Geräten für Frauen“ gibt, in das deutlich ältere und ernsthafte Leute kommen, und siehe da, die Leute kommen dorthin, um zu trainieren, und nicht, um andere „abzuchecken“.
Im Gegenteil, wenn ich neben mir Frauen und Männer in ihren Sechzigern und Siebzigern hingebungsvoll trainieren sehe, motiviert mich das noch mehr, regelmäßig zu kommen, damit ich nicht nur ihr Alter erreiche, sondern dann auch so vital und fit bin wie sie.
Ich habe schon immer Frauen bewundert, die genug Selbstbewusstsein haben, um im Sport-BH und in Leggings zu trainieren, egal wie alt sie sind oder wie definiert ihr Körper ist.
Das war auch mein Ziel: so zufrieden mit mir und meinem Körper zu sein, dass auch ich mich eines Tages in so einem Outfit wohlfühle. Und ich habe dieses Ziel erreicht.
Seit über einem halben Jahr trainiere ich selbst genau in diesem Outfit.
Und wenn ich in den Spiegel schaue, denke ich „damn girl, you look good“, und so motiviere ich mich, weiterzutrainieren und noch besser zu werden, für MICH!
Ich gehe nicht ins Fitnessstudio, um nach Komplimenten anderer zu „fischen“, und ich glaube, das tut keine Frau, oder nur sehr wenige. Ich bin sicher, dass es auch Frauen gibt, die das genießen, aber sie sind eher die Ausnahme als die Regel.
Und ich habe nichts dagegen, im Gegenteil, you do you.
Aber der Punkt ist, dass Männer weder das biologische noch das gesellschaftliche Recht haben, die Kleidung von Frauen zu kommentieren oder ihr unanständiges Verhalten mit Natur und Trieben zu rechtfertigen.
Doppelmoral
Es ist gesellschaftlich akzeptiert, dass Männer ohne T-Shirt durch die Straßen laufen, und niemand regt sich darüber auf, aber wenn eine Frau ohne Oberteil und BH auf der Straße unterwegs wäre, würden sich alle umdrehen, sich empören und wahrscheinlich sogar die Polizei rufen.
Männliche Brustwarzen sind gesellschaftlich akzeptiert, sogar in den sozialen Medien, weibliche dagegen gelten als vulgär, sexualisiert und werden streng zensiert.
Und das hat nichts mit Natur zu tun, sondern nur mit gesellschaftlich auferlegten Normen.
Leider wird der weibliche Körper seit Jahrhunderten sexualisiert und nur als Objekt zum Vergnügen der Männer und zur Fortpflanzung dargestellt.
In ihrem Buch genau zu diesem Thema, „Women Don’t Owe You Pretty“, fasst die Autorin Florence Given das ganze Problem großartig zusammen:
„Objects don’t have to be empowered, they are objects.“
Diese Haltung bedeutet, dass Frauen für Männer keine Subjekte sind, die selbst entscheiden können, wie sie sich anziehen, sondern nur Objekte, die männlichen Blicken und Bedürfnissen dienen, unter dem Vorwand „weil das eben in der Natur des Mannes liegt“.
Die größte Niederlage ist es, wenn Frauen dieses Muster selbst übernehmen und ich von ihnen den Satz höre: „Er ist ein Mann, Männer funktionieren anders und können sich nicht zurückhalten, also setzen wir Frauen unsere Sexualität als Waffe ein, um zu bekommen, was wir können, denn so ist die Natur des Mannes eben.“
Die Frau ist der Frau ein Wolf, schon wieder?!
Genau solche Kommentare beweisen, dass das Patriarchat sogar den Verstand starker, emanzipierter Frauen tief vergiftet hat.
Dieses „Argument“ dient Männern seit Jahrhunderten als Rechtfertigung dafür, sich Frauen gegenüber so zu verhalten, wie sie es tun. Und es geht dabei nicht nur um Fitnessstudios, sondern um alle Lebensbereiche, auch um den Arbeitsplatz.
Dieses Muster erlaubt es Männern, nur einen bestimmten Typ Frau einzustellen, unabhängig davon, was sie kann oder zu sagen hat, sondern einzig danach, ob sie sie attraktiv finden oder nicht.
Und wir Frauen sollten zusammenhalten, statt einander danach zu beurteilen, wie wir aussehen, ob im Fitnessstudio, im Job oder auf der Straße.
Wenn du voll geschminkt und im Minirock zur Arbeit kommen willst, kannst du das, und genauso kann ich, wenn ich in Shorts und Sport-BH ins Fitnessstudio gehen will.
Keine der beiden Arten, sich anzuziehen, sagt etwas darüber aus, wer von uns „klüger“ oder kompetenter ist.
Und keine lädt Männer zu Kommentaren ein oder, Gott bewahre, zu einer Reaktion.
„Women Don’t Owe You Pretty“
News flash, wir tun im Leben nicht alles nur für Männerblicke und Männervergnügen, eigentlich ganz im Gegenteil.
Jede von uns hat sich schon so oft etwas „Anständigeres“ angezogen, bevor sie ausging, genau um unangenehmen Blicken und noch unangenehmeren Kommentaren aus dem Weg zu gehen.
Das Problem ist so verbreitet, dass es einen eigenen Namen bekommen hat: Catcalling.
Catcalling, also das Hinterherrufen auf der Straße, oft sexuell anzüglich oder beleidigend, ist als Form sexueller Belästigung und Gewalt im öffentlichen Raum anerkannt und in mehreren Ländern bereits gesetzlich verboten und strafbar.
Wechseln wir mal die Perspektive.
Wie würdet ihr euch fühlen, liebes starkes Geschlecht, wenn wir Frauen uns nur einen Tag lang wie Männer benehmen würden?
Wenn wir in Gruppen herumsäßen und jeden von euch, der in einem engen Hemd oder einer engen Hose an uns vorbeigeht, laut kommentieren würden?
Und wenn sich einer von euch beschweren würde, würden wir ganz lässig antworten: „Wir können nichts dafür, das ist eben unsere Natur.“
Ich bin sicher, das wäre euch nicht angenehm, oder?
Breaking news, Frauen sind nicht auf diesem Planeten, um euch zu gefallen oder euch zu dienen, tut mir leid, dass ich euch enttäuschen muss.
Je früher ihr aus dem patriarchalen Traum aufwacht, desto leichter wird es für euch.
Und wer weiß, vielleicht merkt ihr dann, dass weder ihr noch wir einen „Summer Body“ brauchen.
Und dass jede und jeder für die eigene Gesundheit trainieren sollte und nicht, um irgendwelche unerreichbaren gesellschaftlichen Normen zu erfüllen.
Let’s stop being objects, because, honey, we are strong empowered SUBJECTS!
Herzlich,
S-Mama



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