Wie sollte eine Frau leben? Bedeutet Feminismus, dass alle Frauen dieser Welt auf die gleiche Weise leben sollten, oder doch nicht?
In meinen Texten beschäftige ich mich oft direkt oder indirekt mit dieser und ähnlichen Fragen. Mir ist es sehr wichtig, meinen Feminismus zu leben und zu praktizieren.
Aber manchmal stellt mich das Leben gern auf eine praktische Probe.
Vielleicht lebe ich in meiner feministischen Blase, umgeben von Menschen mit sehr ähnlichen Ansichten und Lebensweisen wie ich, und deshalb schockiert es mich wirklich, wenn ich eine Situation wie die vor ein paar Tagen erlebe.
Jeden Morgen bringe ich Sofka zur Schule und fahre von dort direkt zur Arbeit.
Eines Morgens, als ich Sofka nachschaute, wie sie in die Schule ging, und darauf wartete, ihr wie immer noch einmal zu winken, bevor ich losfahre, kam die Mutter eines Mädchens aus Sofkas Klasse auf mich zu.
Nach völlig üblichem Smalltalk, wie geht’s und so weiter, schaute sie in den Korb meines Fahrrads, sah Beni und fragte mich: „Und du hast nur Sofia?“
Ich sagte: „An Kindern ja, aber ich habe auch noch Beni.“
Und sie: „Aber Sofia braucht doch einen Bruder, wann ist es so weit?“
Leicht geschockt antwortete ich gefasst und sehr sarkastisch, wie nur ich es kann: „Sie hat doch Beni.“
Ich hatte das Gefühl, gleich zu explodieren, und sagte deshalb höflich, dass ich es eilig habe und zur Arbeit muss, aber statt den Wink zu verstehen, machte sie ohne jede Scham weiter: „Ach, du arbeitest?“
Ich sagte ja, in Vollzeit.
„Und dein Mann?“, hört sie nicht auf.
Ich sagte, er arbeite an seiner Promotion und arbeite in Teilzeit.
„Wie meinst du das? So geht das doch nicht, jeder weiß, dass der Mann Vollzeit arbeiten soll und die Frau Teilzeit!“
Eiskalt und fast schon beleidigt von meiner Lebensweise sagte sie das zu mir.
Als hätte ich mit meiner Familienkonstellation die Ordnung des Kosmos gestört, und als würde es nicht reichen, dass ich sie damit beleidige, „nur eine Tochter“ zu haben und keine weiteren Kinder zu planen, nein, ich wage es auch noch, Vollzeit zu arbeiten, während mein „armer“ Mann in Teilzeit arbeitet.
Es wäre untertrieben zu sagen, dass ich enorme Kraft und Selbstbeherrschung brauchte, um nicht auf der Stelle zu explodieren.
Aber dann wurde mir in einer Sekunde klar, dass das ein Kampf ist, den ich nicht führen muss.
Wenn ich ihr „schnell mal erkläre“, was sie in nur wenigen Minuten alles Falsches gesagt hat, werde ich weder ihre Meinung noch ihre Einstellung zum Leben und zur Welt ändern.
Denn was für mich falsch ist, ist für sie das Normalste der Welt, und umgekehrt. Und wer bin ich, irgendwem eine Predigt zu halten, oder?
Mir wurde auch klar, dass sie mir geholfen hat zu erkennen, dass es außerhalb meiner Glasblase immer noch viele Frauen gibt, die so denken, leben und von anderen erwarten, auf diese für mich längst überholte Art zu leben.
Also lächelte ich nur, sagte: „Sorry, ich muss zur Arbeit“ und radelte weiter, mit einem bitteren Geschmack im Mund, der mich den ganzen Tag verfolgte.
Ich bin fest davon überzeugt, dass es der Sinn des Feminismus ist, dass jede Frau, ohne Ausnahme, ihr Leben so leben soll, wie sie es will, und nicht so, wie andere, die Gesellschaft oder Männer es von ihr erwarten.
Und genau deshalb ist es mir wichtig, laut zu sein und über die Themen zu schreiben, über die ich schreibe.
Aber ich habe auch gelernt loszulassen. Denn ich will nicht nur die Frau nicht verurteilen, mit der ich gesprochen habe, sondern auch nicht die Frauen, die ihre Meinung teilen.
Wir sind weit entfernt von jeder Gleichberechtigung und jedem Fortschritt, solange wir einander besserwisserisch erklären, wie die andere zu leben hat.
Es ist nicht mein Ziel, sie schlechtzumachen oder ihr zu zeigen, wo sie in ihrem Leben falsch liegt. Solange sie selbst wählt, nach welchen Maßstäben sie lebt, fine by me.
Im Gegenteil, der Sinn des Feminismus ist, dass jeder das Recht hat, sein Leben so zu leben, wie er will, aber nicht, es anderen aufzuzwingen.
Für mich beginnt das Problem dann, wenn dir jemand anderes (sprich: die patriarchale Gesellschaft, ein männlicher Partner oder ein Familienmitglied) Regeln aufzwingt, denen du folgen musst. In solchen Situationen schweige ich nicht, und werde es auch nie. Aber das ist ein Thema für sich…
Die Lektion, die wir alle aus diesem Text mitnehmen sollten:
Wenn das nächste Mal jemand nicht nach euren Maßstäben lebt, beißt euch auf die Zunge, denn ihr müsst niemanden belehren, genauso wie ihr selbst nicht belehrt werden wollt.
Denn genau das ist das wahre Zeichen von Wahlfreiheit.
You do you.
Aber genauso: Lass mich ich sein.
Herzlich,
S-Mama


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