Die echte Frau? Wer ist sie?

Ist es die, die drei Kinder, einen Mann, ein Haus und ein Auto hat?

Oder die, die ihren Traumjob hat, fachliche Anerkennung und Prestige?

Oder die, die einen Partner hat?

Oder die, die allein ist?

Oder die, die ein Kind hat, aber keinen Mann?

Oder die, der Materielles wichtiger ist als Emotionales?

Sind das alle oben genannten Frauen oder keine von ihnen?

Wenn ihr mich fragt, sind alle Frauen aus diesen Beispielen, ob echt oder erfunden, echte Frauen, die sich auf ihre Weise verwirklicht haben. Aber wenn ihr die Gesellschaft fragt – ist es eigentlich keine von ihnen.

Es gibt diese ungeschriebenen Regeln, von denen ich dachte, sie gälten nur für eine bestimmte Ecke unseres Planeten, darüber, wer (um nicht zu sagen was) eine Frau sein MUSS. Keine Sorge, ich werde sie jetzt nicht alle aufzählen, Aufzählungen gab es am Anfang des Textes genug. Denn wie man es auch dreht: Eine Frau kann in patriarchalen Gesellschaften, wie wir sie haben, niemals alles erfüllen, was von ihr verlangt wird, und ihr Umfeld gibt ihr immer das Gefühl, schlecht zu sein, weil sie dieses Etwas noch nicht erreicht hat.

Beim Lesen des Buches „Why We Matter“ von Emilia Roig bin ich auf eine erstaunliche Tatsache gestoßen: Überall auf der Welt ist die Identität einer Frau untrennbar mit ihrer Identität als Mutter verbunden.

Was bedeutet das konkret?

Eine Frau gilt erst ab dem zweiten Kind als „vollständige?!“ Frau. Entsprechend sind Frauen mit einem Kind „halbe Frauen“, und diejenigen, die sich gegen Kinder entscheiden oder keine bekommen können – sind überhaupt keine Frauen. Ja, genau so habe ich mich gefühlt, als ich das gelesen habe.

Was nützt uns all die Technik und Technologie, der evolutionäre „Fortschritt“ und die übrigen Floskeln, wenn wir die Frau beharrlich auf ihre funktionierende Gebärmutter reduzieren?

Ich bin Mutter. Das bin ich aus freier Entscheidung geworden und weil ich es wollte.

Aber genauso finde ich nicht, dass Frauen ohne Kinder (aus welchem Grund auch immer) weniger Frauen sind als ich oder dieses Titels nicht würdig. Genauso wenig, wie ich finde, dass Frauen mit mehr Kindern Überfrauen gegenüber den anderen sind. Wir sind alle genau das – Frauen.

Das Traurigste an dieser ganzen Geschichte ist, dass uns das jahrhundertealte Patriarchat eingeredet hat, wir seien füreinander Konkurrenz, und dass es völlig akzeptabel, um nicht zu sagen erwünscht ist, uns gegenseitig zu vergleichen, um die andere kleinzumachen.

Es reicht nicht, dass uns Rechts- und Staatssysteme in die Kaste der Bürgerinnen zweiter Klasse stecken.

Es reicht nicht, dass uns Männer auf Schritt und Tritt diskriminieren, bewusst oder unbewusst.

Nein. Komm, das können wir selbst viel besser, also, liebe Schwester, hau ruhig auf deine Schwester ein.

Und wozu? Damit das System und seine Werte bleiben, wie sie sind?

Mima in Jeansjacke zeigt ihren Bizeps in „We Can Do It“-Pose

Ich bin niemandem überlegen.

Oh, wie viel Verurteilung und Verachtung ich in mir trug gegenüber jeder Frau, die nicht die Werte teilte, die ich damals in meinem Leben hatte.

Ich habe einen Freund, sie nicht – ich bin besser.

Ich studiere, sie nicht – ich bin besser.

Ich gehe regelmäßig in die Kirche und faste, sie nicht – ich bin besser.

Meine Hochzeit hatte weniger Gäste – ich bin besser.

Ich habe einen Mann, sie nicht – ich bin besser.

Ich bin schwanger, sie nicht – ich bin besser.

Mein Kind ist besser als deins – ich bin besser.

Aber genauso – sie hat einen Doktortitel, ich nicht – sie ist besser.

Sie hat drei Kinder, ich nicht – sie ist besser.

Sie reist ständig, ich nicht – sie ist besser.

Dabei war ich in nichts besser und auch nicht schlechter. Aber allein durch solche Gedanken war ich Gift für mich selbst.

Zum Glück lernt man nie aus. Erst wenn wir erkennen, welche Fehler wir im Alltag machen, besonders im Umgang mit anderen, können wir sie uns bewusst machen und aktiv daran arbeiten, sie abzulegen.

Und das kam nicht von allein – die Gesellschaft bringt uns von Geburt an bei, dass wir weniger wert sind und dass nur ein bestimmter Typ Frau „würdiger“ ist als die anderen.

Warum sind gehorsame Frauen besser als die, die nicht schweigen wollen? Warum gelten gläubige Frauen als sittsamer als die, die es nicht sind? Warum ist die im langen Rock mehr wert als die in kurzen Shorts?

Kann man eine Frau wirklich darauf reduzieren, dass sie ihrem Mann gehört, ihrer Familie, auf die Sorge um den Haushalt, auf den Gehorsam gegenüber Staat und Kirche, auf die Mutterschaft?

Warum ist die, die ein Kopftuch trägt, weniger wert als die, die stolz ihren kahl rasierten Kopf zeigt?

Wozu diese Spaltung?

Das ist kein Wettbewerb. Besser gesagt: In dieser Erzählung gibt es keine Gewinner außer denen, die die ganze Zeit von solchen Spaltungen profitieren.

Wenn der Feminismus uns bisher etwas bringen sollte, dann (neben dem Wahlrecht) das Recht, jede für sich selbst zu entscheiden, wie wir aussehen wollen, womit wir uns beschäftigen wollen, ob wir Kinder haben wollen, ob wir unsere Beziehungen offiziell machen oder lieber allein bleiben.

Ich wünsche mir nur, dass wir einander zuhören. Und dass wir aufhören, uns nach Kategorien zu bewerten, die nur subjektiv relevant sind.

Es reicht!

Deshalb bitte ich euch: Wenn ihr das nächste Mal auf der Straße oder in eurem Feed eine Frau seht, die in irgendetwas anders ist als ihr, stoppt diesen hässlichen, verurteilenden Gedanken und lasst ihn auf keinen Fall raus, nicht einmal im Scherz.

Denn ihr könnt sicher sein, dass auch ihr (obwohl ihr für euch selbst perfekt seid) Zielscheibe von jemandes Verachtung seid – wegen der Entscheidungen, die ihr jeden Tag trefft, und der Art, wie ihr euer Leben lebt. Und das tut weh.

Verachtung und Neid können und müssen wir durch Unterstützung und echte Freude für die andere ersetzen.

Lasst uns die Erzählung umdrehen und einander zur Abwechslung unterstützen, denn das ist heute vielleicht wichtiger denn je.

Herzlich,

S-Mama