Ist es möglich, sich zu verändern, und ist das überhaupt gut?
Mit dieser Frage beschäftige ich mich schon seit einiger Zeit aktiv, durch Selbstbeobachtung, also Selbstreflexion. Wer bin ich heute, und wer war ich vor 10 oder auch vor 5 Jahren? Wer dachte ich zu werden, und wer bin ich geworden? Und wer wäre ich, wenn ich in meinem Leben andere Entscheidungen getroffen hätte?
Ich glaube an Veränderung und an den Fortschritt, der mit ihr kommt
Im Gegensatz zu vielen, die meinen, dass Menschen sich nie wirklich ändern und dass wir eine Art Gegebenheit sind, die nichts in ihrem eigenen Leben beeinflussen kann, bin ich jemand, der fest nicht nur an Veränderung an sich glaubt, sondern auch an den unvermeidlichen Fortschritt, der mit ihr kommt.
Eines Abends, nach dem Ritual des Insbettbringens von Sofia, saßen Marko und ich wie jeden Abend zum Tagesausklang in unserem neuen Wohnzimmer, tranken Tee und redeten über Gott und die Welt. In diesem Gespräch kam ich zu einer Erkenntnis, die schon immer da war, die wir aber nie ganz ausgesprochen hatten: Auf dem Balkan herrscht das feste Vorurteil, dass „Du hast dich verändert“ eigentlich die schlimmste Beleidigung ist, die man dir an den Kopf werfen kann. Selten, fast nie, wird mit dieser Bemerkung persönliches oder materielles Wachstum und Weiterentwicklung anerkannt. Im Gegenteil: Sobald wir aus dem Rahmen fremder Erwartungen heraustreten, ist es am einfachsten, uns mit dem Satz „Du hast dich verändert“ zu verurteilen.
Ich dagegen halte dieses „Du hast dich verändert“ für ein Kompliment und nicht für eine Beleidigung. Erst jetzt verstehe ich die verwirrten Gesichter meiner Gesprächspartner, wenn sie mir (und das kam mehrmals vor) sagten: „Du hast dich verändert, du bist eine richtige Deutsche geworden“ oder „Du hast dich verändert, deine neue Frisur gefällt mir nicht“.
Eine Veränderung, die man sieht oder die andere bemerken, ist für mich ein Zeichen, dass sich die Arbeit an mir selbst gelohnt hat.
Der Weg dahin, wo ich jetzt stehe, innerlich wie äußerlich, war sicher nicht leicht. Und Gott sei Dank war er es nicht.
Gott sei Dank bin ich kein grünes Mädchen mehr voller Vorurteile gegenüber anderen und Andersartigen. Gott sei Dank ist mein erster Gedanke, wenn ich auf ein Hindernis stoße, nicht mehr „Das kann ich nicht“. Ich bin glücklich, wenn ich meine Sofka umarme, während sie mitten im Laden einen Wutanfall hat, obwohl ich vor ihrer Geburt entschieden ausgeschlossen habe, dass mein Kind jemals in der Öffentlichkeit weinen könnte, und Kinder, die draußen schreien, für verwöhnt oder unerzogen hielt.
Ich bin überglücklich, wenn ich im Spiegel meine „Männerfrisur“ sehe und mich dadurch so schön und stark fühle, obwohl mir noch vor 5 Jahren schon der Gedanke, die Haare auch nur 2 cm kürzer zu schneiden, Unbehagen und Angst gemacht hat. Ich liebe es, dass es mich nicht mehr vor dem bloßen Gedanken ekelt, den Müll aus der Wohnung zu bringen, denn das ist eine Hausarbeit wie jede andere.
Ich bin unglaublich stolz auf mich, dass ich, nach dem anfänglichen Gedanken „Deutsch werde ich nie lernen“, inzwischen seit sieben Jahren in Deutschland lebe und es nicht nur täglich spreche, sondern in dieser Sprache auch mein Masterstudium abgeschlossen habe. Ich genieße die Musik von Đorđe Miljenović, obwohl ich Sky Wikluh schon immer „verachtet“ habe (ja, das ist ein und dieselbe Person). Ich liebe es, dass ich wählen kann, in welcher Sprache ich mein nächstes Buch lese. Ich kann es kaum erwarten, dass die Fitnessstudios wieder öffnen, das fehlt mir in dieser Coronazeit am meisten, obwohl mir früher schon beim bloßen Gedanken an Fitness graute…
Die Liste der „Kleinigkeiten“, die ich an mir selbst bemerke, ist zu lang, um in einen einzigen Text zu passen. Aber der Punkt ist derselbe – Ich verändere mich, also bin ich.
Und ich kann es kaum erwarten zu sehen, wie sehr ich mich noch verändert haben werde, wenn ich in ein paar Jahren auf mein heutiges Ich zurückblicke.
Warum haben Menschen Angst vor Veränderung?
Veränderung bedeutet vor allem, den vertrauten Rahmen zu verlassen. Die einfachste Gleichung in den Köpfen der Menschen lautet: Bekanntes = Sicherheit, Veränderung = Unsicherheit?
Deshalb ist es „beängstigend“, einen Job zu wechseln, den man schon lange macht, weil man sich dort sicher fühlt. „Beängstigend“ ist es auch, die Stadt zu wechseln, in der man bisher gelebt hat, vom Land ganz zu schweigen. „Beängstigend“ ist es auch, den Freundeskreis zu wechseln. Aber warum eigentlich?
Es gibt diese Menschen in unserem Leben, die immer gleich bleiben und darauf stolz sind. Mit demselben Eifer erzählen sie stolz immer wieder Geschichten aus der Grundschule oder der Oberstufe und würden alles dafür geben, in diese Zeiten zurückzukehren, „weil es so cool war“. Aber was wissen diese Menschen über euch heute? Was wissen sie über eure Höhen und Tiefen, eure Probleme oder Erfolge, eure Interessen? Wahrscheinlich gar nichts.
Ja, früher war es schön, und wahrscheinlich waren wir deshalb befreundet. Aber das ist vorbei, und jetzt schaffen wir neue Erinnerungen und gehen weiter, indem wir einander so annehmen, wie wir heute sind, oder indem wir einfach keine Freunde mehr sind. Ich erinnere mich gern an die „alten Zeiten“, aber für nichts auf der Welt würde ich in irgendeinen Abschnitt meines Lebens zurückkehren, aus dem einfachen Grund, dass ich den Platz in meinem Leben liebe, an dem ich gerade stehe.
Ich liebe meine Familie; meine Selbstständigkeit; meine Freiheit, das zu sein, was ich sein will; mich so anzuziehen, wie ich will; ein Buch im Café, im Park oder im Bus zu lesen, ohne dass sich jemand darüber empört; mich überhaupt nicht zu schminken und mich damit besser zu fühlen als mit Make-up; stolz auf mein Wissen zu sein und es ständig zu erweitern, statt mich wegen meiner Erfolge weniger wert oder weniger „cool“ zu fühlen; Fehler zu machen und aus ihnen zu lernen; jemanden an meiner Seite zu haben, der mich ständig vorantreibt, und nicht jemanden, bei dem ich mich schuldig fühle, weil ich erfolgreich bin.
Von Erinnerungen kann man nicht leben
Ja, früher war es lustig, und ich denke gern an Momente aus der Vergangenheit zurück. Aber von Erinnerungen kann man nicht leben! Und Beziehungen, die auf Erinnerungen beruhen, heute aber leer sind, will ich nicht in meinem Leben haben.
Auch die Natur verändert sich ständig, warum also nicht auch wir?
Sich zu verändern ist nicht das Schlimmste auf der Welt. Probiert es aus, es ist leicht und tut unglaublich gut.
Bremst euer Wachstum nicht, nur weil andere von euch erwarten, dass ihr immer gleich bleibt.
Erlaubt euch selbst, aber auch anderen, sich zu verändern.
Und lasst uns gemeinsam die Beleidigung „Du hast dich verändert“ in ein Kompliment verwandeln. Glaubt mir, es ist leichter, als ihr euch vorstellen könnt.
Herzlich,
S-Mama


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