Habt ihr euch jemals gefragt, welche eurer Ansichten, Lebensgewohnheiten und Erwartungen wirklich ein Teil von euch sind und wie viel davon eigentlich die Erwartungen anderer sind? Der Mensch ist nun mal ein soziales Wesen, und natürlich wird er von Geburt an von seinen Eltern, seinem Umfeld, der Gesellschaft, der Schule geprägt… und diese Liste lässt sich endlos fortsetzen.

Trotzdem passiert es oft, dass wir bestimmte Ansichten per se haben, ohne sie je zu hinterfragen, weil sie sich irgendwie von selbst verstehen. Und in dem Moment, in dem wir anfangen, aktiv über sie nachzudenken und sie zu hinterfragen, merken wir, dass sie eigentlich gar nicht zu dem gehören, was wir für uns wollen oder realistischerweise von uns erwarten können. Sie wurden uns einfach ins Bewusstsein eingepflanzt.

Welche Erwartungen zwingt uns die Gesellschaft auf?

So müssen wir zum Beispiel alle bis zu einem bestimmten Alter einen Lebenspartner finden, mit dem wir natürlich nicht ohne Trauschein zusammenleben dürfen (und der selbstverständlich dem anderen Geschlecht angehören muss), mit ihm oder ihr das ganze Leben verbringen und in absehbarer Zeit mindestens zwei Kinder bekommen.

Dazu kommen natürlich gute Noten, sittsames Benehmen und Auftreten. Bei Frauen wird besonders vorausgesetzt, dass sie gute Ehefrauen und ausgezeichnete Hausfrauen sind, die den Haushalt nicht nur tipptopp im Griff haben, sondern auch besser kochen als Jamie Oliver persönlich, deren Kinder wohlerzogen sind (sie meckern nie, schreien nie, weinen nie und tun nichts von dem, was andere Kinder sonst so tun), die wie Topmodels aussehen, auf keinen Fall zunehmen, aber auch nicht zu dünn aussehen dürfen, und ich könnte bis morgen aufzählen, was eine Frau alles „muss“.

Dabei müssen wir gar nichts! Und weil wir nichts müssen, müssen wir auch andere nicht ausfragen oder verurteilen, nur weil sie etwas davon anders machen. Leben und leben lassen. So einfach ist das.

Oder etwa nicht?

Warum muss eine kluge, schöne und gebildete junge Frau Mitte zwanzig unbedingt einen Partner haben, den sie dann auch bald heiraten muss?

Warum muss ein junges Paar gleich nach dem Zusammenziehen Kinder „liefern“, und zwar an die Familie und die Gesellschaft?

Warum setzen wir uns als Gesellschaft gegenseitig so unter Druck, nur um zu zeigen, wie richtig oder wie überlegen wir sind?

Um das klarzustellen: Wir haben das nicht erfunden. Vieles, was ich hier anspreche, wurde sowohl in der Soziologie und Sozialpsychologie als auch in feministischen Theorien erforscht, ich habe also auch nicht das Rad neu erfunden, und das ist mir bewusst. Aber nur weil etwas existiert und so ist, wie es ist, heißt das nicht, dass wir nicht darüber reden oder uns nicht dagegen wehren können.

Mima und Sofka gehen Hand in Hand einen Gehweg entlang, von hinten fotografiert

Ich habe tatsächlich mit 23 geheiratet, und schon diese Tatsache war damals ein „Problem“. „Warum“ war die Frage, die ich am häufigsten hörte. Jeder hatte natürlich seine eigene Theorie: ich sei schwanger, ich heirate wegen der Papiere, ich sei zu jung, dies und das (wahrscheinlich kann ich mir nicht einmal vorstellen, wie viele und was für Theorien es da gab, und es interessiert mich auch nicht). Kaum jemand verkniff sich die unnötigen Fragen und Kommentare und freute sich einfach aufrichtig für mich.

Dann kam natürlich die Frage: Wann kommt das Baby?

Und kaum hatten wir Sofka, hieß es: „Und wann kommt das zweite?“

Und wie lange geht das so weiter?

Wie lange sind wir verpflichtet, die Erwartungen unseres Umfelds zu erfüllen, während genau dieses Umfeld nichts über uns und unser Leben weiß?

Ist es eine Sünde, nicht mehr als ein Kind zu wollen, oder ist es eine größere Sünde, fünf zu wollen?

Ist es falsch, Single und glücklich mit sich selbst zu sein, und richtig, in einer Beziehung zu bleiben, die nicht funktioniert, nur damit man sagen kann, man sei nicht allein?

Ist es so falsch, wenn eine Frau Mutter sein und gleichzeitig mehr verdienen will als ihr Mann?

Wie fremde Erwartungen uns unnötig stressen

Ob wir es zugeben wollen oder nicht: All diese Erwartungen des Umfelds setzen uns irgendwann unnötig unter Stress, egal wie emanzipiert und gebildet wir sind, und, was am schlimmsten ist, sie geben uns das Gefühl, weniger wert zu sein, als wir es sind.

Ist das der Sinn der Sache?

Niemand sagt: „Hey, Respekt, du lebst allein im Ausland, niemand finanziert dich, du studierst und wer weiß was noch.“ Stattdessen suchen alle nach dem einen Punkt, den du nicht abgehakt hast, und klammern sich daran, nur um dich dafür zu kritisieren.

Ich sage nicht, dass es bei Männern anders ist, auch sie sind Urteilen und Erwartungen ihres Umfelds nicht weniger ausgesetzt, aber ich bin kein Mann, also kann ich darüber nicht aus erster Hand schreiben.

Wenn uns der Gesprächsstoff ausgeht, dann lieber gar nicht reden, als uns zu vergleichen und mit dem Finger auf die „Fehler“ anderer zu zeigen, die eigentlich gar keine sind.

Denn niemand ist Herr über das Leben eines anderen, egal wie nah und wichtig einem diese Person ist. Schluss mit dem Rechtfertigen ohne Not und ohne Grund.

Dieser Teufelskreis muss irgendwann durchbrochen werden. Und warum nicht jetzt? Heute! In diesem Moment!

Lasst uns den Spieß umdrehen: Rot vor Scham werden soll, wer unangebrachte Fragen stellt und seinen Senf dazugibt, wo niemand nach seiner Meinung gefragt hat, und nicht die, der die Fragen gestellt werden.

Hört einfach auf. Dann hört es auch auf.

Herzlich,

S-Mama