Es ist schon einen Monat her, dass ich von einer völlig ungeplanten Reise nach Serbien zurückgekommen bin. Neben all den sehr emotionalen Ereignissen, die erst noch „sacken“ müssen, bevor ich darüber schreiben kann, ist mir seit dem ersten Tag nach meiner Rückkehr vor allem ein Nachgeschmack geblieben: die Menge an Dummheiten, um nicht zu sagen Absurditäten, die einem die Leute dort unten an den Kopf werfen.

Es ist nicht das erste Mal, dass mich Kommentare oder Fragen anderer schockieren, und darüber habe ich schon in einem früheren Text geschrieben, in dem es um die Bemerkungen ging, die andere über Sofia und direkt an Sofia richten.

Ich verstehe ja, dass wir schon lange im Ausland leben und vieles vergessen, aber auch verdrängt haben, und dass wir auch vieles aus der hiesigen Kultur übernommen haben (denn an gute Dinge gewöhnt man sich bekanntlich schnell). Aber alles hat seine Grenzen, auch die menschliche, um nicht zu sagen kulturelle Dummheit.

Die Leute haben das Bedürfnis, einfach alles zu kommentieren und sich mehr mit dem Leben anderer zu beschäftigen als mit dem eigenen, und so ist das dort eben. Ich habe damit nicht Amerika entdeckt, ich weiß. Gejammert wird auch über alles, aber niemand übernimmt Verantwortung für sein eigenes, einziges Leben und für sein Handeln. So ein Volk sind wir wohl. Das alles ist mir bewusst.

Was mich daran konkret stört, ist das Kommentieren und Sich-Empören über Dinge und Lebensentscheidungen, die für uns völlig normal sind.

Aber fangen wir von vorne an.

Es war das erste Mal, dass ich allein verreist bin, ohne Marko und Sofia. Das war nicht unsere Entscheidung, die deutschen Behörden haben uns dazu gezwungen (ja, unseren Status hier haben wir immer noch nicht geklärt, stellt euch vor).

Der Anlass, aus dem ich so plötzlich verreisen musste, war alles andere als schön, und deshalb hatte ich insgeheim gehofft, all den üblichen Floskeln zu entgehen, die man jemandem entgegenbringt, der schon lange nicht mehr in Serbien lebt.

Gehofft hatte ich, und dabei ist es geblieben. Die Realität hat mich, zum x-ten Mal, eines Besseren belehrt.

Diesmal war die häufigste Frage nach der, warum ich ohne Mann und Tochter gekommen sei: Und wer passt auf dein Kind auf?

Ich habe das als unausgesprochene Frage verstanden: Was bist du für eine Mutter, dass du dein kleines Kind wer weiß wem auf Gedeih und Verderb überlässt und allein hier herumgondelst?

Moment mal: Wenn ich ohne Marko und ohne Sofia gekommen bin, ist es nach simpler Logik doch wohl normal, dass Marko, der ja schließlich ihr Vater ist, nicht auf mein, sondern auf UNSER Kind aufpasst?!

Ja, für mich ist das normal, für andere aber nicht.

Die Frage, die auf meine Antwort folgte, dass Marko auf sie aufpasst, wer denn sonst, war unweigerlich: Ja, kann er das denn? und Wer hilft ihm?

Ich weiß nicht, wie ich meinen Schock beschreiben soll, der sich immer wieder einstellte, denn wie gesagt, diese absurde Fragenkette bekam ich nicht nur einmal zu hören.

Und nein, niemand hat mich gefragt, ob es mir schwerfällt, dass sie jetzt nicht bei mir sind, wie ich es verkrafte, zum ersten Mal länger als einen Tag von Sofia getrennt zu sein, oder wie schwer es für die beiden ist, jetzt nicht hier sein zu können.

Ein Papa mit seiner Tochter im Kinderzimmer

Vielleicht liegt das Problem bei mir.

Vielleicht ist es unrealistisch und unfair von mir zu erwarten, dass meine Lebensentscheidungen und überhaupt das Leben, das wir beide nach unserem eigenen Maß, unseren Möglichkeiten und auch unseren Bedürfnissen aufgebaut haben, als repräsentativ gelten und für andere akzeptabel sind. Nein, ich will niemandem etwas aufzwingen. Jeder hat die Wahl: seinen Partner zu wählen, zu wählen, wie er seine Kinder erzieht, zu wählen, wie er sein eigenes Leben organisiert.

Unser Leben passt offensichtlich nicht in die Schablonen der Mehrheit, und ehrlich gesagt bin ich darauf sehr stolz.

Vom ersten Tag unserer Beziehung an, und später unserer Ehe, hat sich Marko nach Kräften um alles bemüht. Zuerst um mich, dann um unser gemeinsames Zuhause und dann um Sofia. Er ist hingebungsvoll und aufopfernd, wenn es um seine Familie geht. Er ist der Chefkoch bei uns zu Hause, und ich habe mich nie geschämt, das zuzugeben, ganz im Gegenteil, ich bin stolz darauf. Bei uns gab es nie Männer- und Frauenarbeit, wir machen seit jeher alles gemeinsam. Buchstäblich alles.

Also Moment mal: Wenn Marko spülen, kochen und putzen kann, warum um Himmels willen sollte er sich dann nicht allein um sein eigenes Kind kümmern können?

Damit kommen wir natürlich zur grundlegenden Annahme, was ein Mann in seinem Zuhause und für seine Familie darf, kann und tun sollte.

Tja, auch da passen wir nicht ins Schema. Stellt euch vor: Er repariert nicht nur alles im Haus selbst, er kann sich auch um den Haushalt kümmern und tut es gern, und zwar nicht, indem er die Füße hochlegt und meckert, was alles schmutzig ist, sondern indem er es selbst oder in Absprache mit mir in Ordnung bringt. Unglaublich, oder? Na ja, eigentlich nicht.

Für uns ist das alles ganz normal, und wie unnormal es für andere ist, merken wir erst, wenn uns jemand vom Balkan besucht und sich darüber empört, wie wir funktionieren und was er eigentlich alles im Haushalt macht. Den Satz Ach, du Glückliche, was für einen Mann du hast habe ich nicht nur einmal gehört.

Ja, ich weiß, glücklich ich, und ich danke Gott jeden Tag, dass ich ihn so habe, wie er ist. Aber an dieser Stelle werde ich nicht falsch bescheiden sein, denn mein Mann lässt keine Gelegenheit aus, auf solche Bemerkungen zu antworten: Na ja, da ich eine perfekte Frau habe, muss ich wohl auch ein perfekter Mann sein. Es geht dabei nicht um Perfektion an sich, sondern wir haben beide das Bedürfnis, auf solche Bemerkungen mit Übertreibung zu reagieren. Weder ich bin perfekt noch er, und das ist auch nicht unser Ziel.

So funktioniert das bei uns: Wir sind einander nicht untergeordnet, wir sind Partner, gleichberechtigt, und auch wenn wir Fehler machen, machen wir sie gemeinsam.

Vergesst nicht, dass wir hier ohne eine große Verwandtschaft leben, die einspringen könnte, wann immer uns danach ist. Natürlich ist meine Ana uns eine riesige Hilfe und Stütze, aber sie studiert hier, hat ihr eigenes Leben und ihre eigenen Probleme, und es ist unrealistisch, sie jedes Mal in die Lage zu bringen, alles stehen und liegen zu lassen und sofort da zu sein, wenn wir sie gerade brauchen. Wir versuchen, sie so wenig wie möglich einzuspannen und zu belasten, denn Sofia ist in erster Linie unser Kind, wir haben sie uns gewünscht und wir kümmern uns um sie. Simple as that.

Für Marko war es also sicher nicht leicht, eine Woche allein mit Sofia und Beni und all seinen anderen Verpflichtungen. Aber er hat das königlich gemeistert, ohne ein einziges Wort der Klage. So wie ich das übrigens auch schon oft gemacht habe, wenn er allein auf Geschäftsreise musste. Und stellt euch vor, damals hat sich niemand gefragt, wie ich allein zurechtkomme, ob ich das kann oder ob mir jemand hilft.

Das ist es, was mich an der ganzen Geschichte stört. Doppelmoral. Schubladendenken. Das Zungeschnalzen und Augenrollen bei allem, was auch nur ein bisschen anders ist. Veraltete, längst überholte Vorurteile, die, oh ja, noch sehr lebendig sind. Das ist es, was mich verletzt, denn, meine Lieben, nur weil ihr Internet, neue Handys und wer weiß welche Wunder des 21. Jahrhunderts habt, seid ihr in euren Ansichten und eurem Verhalten noch lange nicht über das Mittelalter hinausgekommen.

Herzlich,

S-Mama