Die Zeiten ändern sich und damit auch die Umstände, unter denen Kinder großgezogen werden. Nur weil etwas für unsere Urgroßmütter, Großmütter, Eltern oder für uns gut war, ist es nicht per se auch für unsere Kinder gut.

Menschen entwickeln sich, die Wissenschaft entwickelt sich, die Umstände ändern sich. Wäre es anders, hätte es nie irgendeinen Fortschritt gegeben. Stellt euch zum Beispiel Tesla vor, wie er seine Forschung bleiben lässt, denn wozu brauchen wir Wechselstrom, wenn er selbst ohne ihn aufgewachsen ist? Absurd, oder?!

Ich sage nicht, dass alles Neue automatisch gut ist. Aber nicht alles Alte ist gut, nur weil es das Einzige ist, was wir kennen.

Vor allem ist „Wir sind auch so groß geworden, und uns hat’s nicht geschadet“ wirklich kein haltbares Argument. Eigentlich ist es gar keins.

Viele glauben, dieser Satz passe in jede Situation: wenn sie nicht wissen, was sie sonst sagen sollen, wenn sie einfach klugscheißen wollen oder sogar in bester Absicht. Egal, welche Absicht dahintersteckt, es ist nicht in Ordnung.

Ich gebe euch ein paar Beispiele, die meine These stützen, auch wenn sich die Liste endlos fortsetzen ließe.

Der ewige Feind der Kinder: das Internet

Als Medienwissenschaftlerin muss ich euch wieder ein bisschen mit Medien nerven. Gerade deshalb fühle ich mich berufen, mein Hauptargument an den Medien festzumachen. Also: Wenn wir über Medienkonsum früher und heute sprechen, gibt es einen riesigen Unterschied, vor allem in der technischen Entwicklung.

Unsere Omas und Opas sind ohne Fernseher aufgewachsen, manche hatten vielleicht ein Radio, andere nicht einmal das. Hieß das, dass auch unsere Eltern ohne Fernseher aufwachsen sollten, obwohl dieses Medium in ihrer Kindheit längst zu jedem Haushalt und zum Alltag jeder Familie gehörte? Wir sind ohne Internet aufgewachsen (zumindest in der frühen Kindheit). Man kann ruhig sagen, wir sind mit dem Internet zusammen groß geworden und haben uns parallel zu ihm entwickelt.

Wir wissen, was eine Dial-up-Verbindung ist, wir wissen, was langsames Internet bedeutet und was ein Handy ohne Internet bedeutet. Unsere Kinder werden das nicht wissen. Und das ist okay. Sie haben ihres, wir hatten unseres. Obwohl, was hätte ich als kleines Mädchen dafür gegeben, selbst aussuchen zu können, wann ich welchen Zeichentrickfilm schaue…

Kann ein Kind ohne Gehfrei laufen lernen?

Als ich aufwuchs, und das gilt auch für meinen Mann und meine Schwester, war der Gehfrei (auch Babywalker oder Lauflernhilfe genannt) eine Selbstverständlichkeit: Kinder saßen darin, damit sie „schneller“ laufen lernen. Ich bin nicht einmal gekrabbelt, ich bin im Gehfrei herumgefahren und habe dann laufen gelernt.

Als Sofia groß genug für einen eigenen Gehfrei war, waren wir zufällig bei unserer Kinderärztin und bekamen von ihr einen Flyer, auf dem in roten Buchstaben stand, dass ein Kind UNTER KEINEN UMSTÄNDEN einen Gehfrei benutzen darf. Dazu gab es eine ausführliche Begründung:

  • Der Gehfrei ist kein natürlicher Weg, laufen zu lernen: Wenn ein Kind so weit ist, zieht es sich zuerst selbst auf die Beinchen hoch, läuft dann von einem Möbelstück zum nächsten und lässt schließlich los und läuft allein, sobald es sich sicher genug fühlt und seine Beinchen stark und fest genug sind;
  • der Gehfrei führt zu Unsicherheit beim Laufen und zu einer schlechten Entwicklung vor allem der Hüften, und weil sich das Kind auf unnatürliche Weise abstößt, um sich selbst und den Gehfrei zu bewegen, kann auch die Entwicklung der Füße leiden;
  • kippt das Baby, Gott bewahre, mitsamt dem Gehfrei um, kann es sich schwer verletzen…

Diese Argumente reichten uns, um Sofia gar keinen Gehfrei zu kaufen. Wir ließen sie in ihrem eigenen Tempo laufen lernen, und genau das hat sie getan.

Also: Nur weil wir im Gehfrei groß geworden sind, muss Sofia das noch lange nicht.

Wer weiß, vielleicht ist genau dieser Gehfrei schuld daran, dass ich bis heute nicht richtig gehe und mit Mitte zwanzig unglaubliche Rücken- und Knieschmerzen habe… Vielleicht auch nicht, ich traue mich weder das eine noch das andere zu behaupten, ich bin keine Expertin. Aber Sofias Kinderärztin ist eine, und ihre Argumente waren stärker als das Klischee „Bei uns war das früher auch so“.

Alter blauer Wecker im Regal, im Hintergrund ein Hochzeitsfoto

Die Zeiten ändern sich.

Die Zeiten ändern sich, und das ist gut so

Dasselbe gilt für die Ernährung von Kindern, für Süßigkeiten und tausend andere Dinge, bei denen sich die Erziehung heute von der Zeit unterscheidet, in der wir aufgewachsen sind.

Jeder hat das Recht, sein Kind so zu erziehen, wie es für ihn passt. Ob „traditionell“ oder „modern“, das ist die Entscheidung der Eltern. Und nur das ist fair.

Nur bitte, verschont mich mit diesem „Jaaa, klar, ihr habt jetzt das Rad neu erfunden und macht alles anders, aber wie seid ihr denn bitte ohne das groß geworden, oder damit (wenn es ums Essen geht)“.

Das ist kein Argument, ich wiederhole es. Es ist das Gegenteil: das Fehlen eines Arguments.

Eigentlich sollten wir froh sein, dass sich die Wissenschaft weiterentwickelt und dass sich „irgendwelche Gelehrten da draußen“ Mühe geben, unseren Alltag leichter und besser zu machen, statt unnötig Energie und Nerven darauf zu verschwenden, stur in die Vergangenheit zurückzukehren, nur „weil wir das so gemacht haben“.

S-Mama