Es war einmal ein Mädchen. Es war wie alle anderen Mädchen, oder vielleicht doch nicht…
Es hatte langes blondes Haar, geschmückt mit natürlichen Locken.
Es trug eine rote Brille, die es noch süßer machte.
Wie alle anderen Mädchen liebte es Geschichten über Prinzessinnen.
Es schwärmte für Ballerinas und träumte davon, eines Tages selbst eine zu werden.
Es trug gern Röckchen und Kleidchen in allen möglichen Farben und Mustern, wie alle Mädchen.
Es spielte für sein Leben gern mit Puppen und Barbies, wie jedes Mädchen.
Aber Moment mal.
Da stimmte etwas nicht.
Seine Leidenschaft waren nicht Prinzen, sondern nicht mehr und nicht weniger als Dinosaurier.
Wie kann sich ein Mädchen für Dinosaurier interessieren?
Niemand verstand das.
Aber das Mädchen störte das nicht.
Nach und nach lernte es alles über sie: die Arten, ihre Merkmale, was sie fraßen und was nicht, wie sie sich gegen andere Dinosaurier verteidigten und noch vieles mehr.
Was ihm daran nicht gefiel, veränderte und ergänzte es mit seiner blühenden Fantasie. So wurde aus dem T-Rex, dem gefährlichsten bekannten Dinosaurier, sein bester Freund, der nur vor anderen Menschen Angst hat, weil sie ihn nicht verstehen. Dem Mädchen tut er nichts, denn er hat es lieb. Und es hat ihn auch lieb.
Dass Dinosaurier nicht mehr leben, wollte das Mädchen auf keinen Fall als einzig mögliche Wahrheit akzeptieren. Nein, vielleicht leben Dinosaurier noch heute, wir sehen sie nur nicht, weil wir Angst haben und weil sie Angst vor uns haben.
Und gestern erst, als es mit Mama durch den Wald spazierte, kam es ihm so vor, als wären die Spuren in der nassen Erde genau die Spuren eines kleineren T-Rex. Hier, genau hier, im Wald hinter dem Haus. Und nein, er ist auch für die anderen Tiere, die dort leben, keine Gefahr, er hat sie lieb. Er ist Vegetarier geworden, um niemandem wehzutun, und im Wald gibt es sowieso genug Blätter für alle, oder?
Nur verstand es nicht, warum die anderen Mädchen, aber auch mancher Junge, nicht mit ihm Dinosaurier spielen wollten.
Sie sagten, sie hätten Angst.
Und das Mädchen versuchte mit aller Kraft, ihnen zu erklären, dass Dinosaurier gar nicht so schrecklich sind, wie sie aussehen, im Gegenteil.
Leider blieb die Begeisterung der Freundinnen zu seiner großen Enttäuschung aus. Sogar die Erzieherin im Kindergarten verbot ihm ausdrücklich, seine ständigen Begleiter, ohne die es nie aus dem Haus ging, aus dem Rucksack zu holen, damit sich die anderen Kinder nicht fürchten.
Aber warum? Sie waren doch nur seine Freunde, die niemandem etwas tun wollten. Und sie waren so klein und erwachten nur im Spiel und mit Hilfe der Fantasie zum Leben.
Obwohl es unter der Ablehnung der anderen litt, wurde seine Liebe zu diesen großen Wesen nicht kleiner. Am Ende hätte es sogar lieber allein mit seinen Dinosauriern gespielt, als zuzulassen, dass jemand sie beleidigt oder ihnen wehtut.
Und wisst ihr, was das Interessante daran war? Wenn es in seinem rosa Tüllkleidchen mit einer Puppe im Arm auftauchte, wollten alle Mädchen mit ihm spielen. Im Park kamen sie auf es zu, und das Spiel dauerte stundenlang. Bis es, in der Hoffnung, dass es jetzt, wo es ihre Aufmerksamkeit hatte, auch seine holprigen Freunde ins Spiel bringen könnte, einen von ihnen hervorholte. Die Puppen haben sie doch lieb, warum sollten die Freundinnen das nicht auch, oder?
Aber genau da war das Spiel schlagartig vorbei.
Und das Mädchen verstand nicht so recht, warum dieselben Mädchen nicht einmal daran dachten, mit ihm zu spielen, wenn es im selben Kleidchen auftauchte, aber mit der T-Rex-Mama statt mit einer Barbie im Arm.
Und die Jungen? Bei ihnen lief es ein bisschen anders.
Manche von ihnen wollten durchaus mit ihm und seinem Triceratops spielen, aber nur, wenn es nicht das rosa Puffkleidchen trug, sondern ein Batman-T-Shirt und graue Höschen, und wenn es seine Locken zum Zopf gebunden und unter einer Kappe versteckt hatte.
Das verwirrte es noch mehr.
Wie können sich die Dinge so schnell ändern?
Es ist doch jeden Tag es selbst! Durch seine Kleidung oder seine Spielzeugwahl wird es nicht zu jemand anderem. Und trotzdem verhalten sich die anderen je nachdem völlig unterschiedlich ihm gegenüber.
Seltsame Kinder, wirklich.
Und dann sah es eines Tages durchs Fenster ein Mädchen aus dem Haus gegenüber, in einem roten Kleidchen genau wie seinem, mit Tüll und Schleifchen und allem, wie es im Sand saß und ausgerechnet mit Baggern spielte.
Es ging zögernd auf das Mädchen zu, aus Angst, wieder abgewiesen zu werden, fasste sich aber ein Herz und fragte, ob sein Stegosaurus eine Runde im großen gelben Bagger des Mädchens mitfahren dürfe. Die Augen des anderen Mädchens leuchteten auf, voller Hoffnung.
Und so sitzen die beiden seit genau diesem Tag jeden Nachmittag in ihren knallbunten Prinzessinnenkleidern im Sand und bauen mit dem großen gelben Bagger und den blauen und grauen Lastwagen Verstecke für Dinosaurier, damit sie im Winter einen Unterschlupf vor der Kälte haben.
Und die anderen Kinder?
Sie schauen ihnen aus der Ferne zu und träumen leise davon, dass auch sie so frei ans Tageslicht holen dürften, die Jungen ihre Puppen und die Mädchen ihre Rennautos, und ohne jedes Urteil und jeden Tadel von Erwachsenen und anderen Kindern frei zusammen spielen könnten.
Vielleicht wird es noch lange dauern, bis sie sich das trauen, vielleicht aber auch nicht…
S-Mama


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