Gestern bin ich mit Sara durchs Einkaufszentrum gebummelt, wir haben Stricknadeln und die passende Wolle gesucht. Ich will mich wieder daran erinnern, wie man strickt. Das perfekte Hobby für die kalten Tage, die vor uns liegen.
Im Laden gibt es alles, sogar „home made“ Essen. Sara greift an der Kasse nach einem kleinen Glas Marmelade und zeigt es mir.
Und ich antworte ganz automatisch, dass ich keine Marmelade kaufe, weil Marmelade für mich gleichbedeutend ist mit Essen, das wir immer zu Hause haben, das wirklich zu Hause gemacht wird.
Ich bin mit dem Duft von kochender Marmelade aufgewachsen, mit dem Klirren „ausgekochter“ Gläser, die bei hoher Temperatur im Backofen sterilisiert werden, damit sie bereit sind für diesen Familiennektar.
Wenn ich Marmelade sage, sehe ich meinen Opa, wie er stundenlang in der Garage neben dem Holzofen sitzt und die kostbare Masse rührt, damit sie nicht anbrennt, mit einer solchen Hingabe, als hinge die ganze Wintervorratskammer einer sechsköpfigen Familie genau von diesen kreisenden Bewegungen in genau berechneten Abständen ab.
Der Duft von gekochten Pflaumen und Aprikosen mischt sich mit dem Geruch von Regen, der in der Marmeladenzeit immer dazugehört.
Ich höre die Stimme meiner Oma, die ab und zu herunterkommt, um den ganzen Vorgang zu kontrollieren und zu probieren, „ob noch Zucker fehlt“, und meistens dürfen wir Kinder bei dieser wichtigen Entscheidung mitreden. Aber das letzte Wort hat Oma, denn sie ist die Expertin fürs Marmeladekochen und, meine Güte, auch für Slatko (unser Eingemachtes aus ganzen Früchten).
Wenn das Urteil gefallen ist, dass die Marmelade fertig ist, wird der riesige Topf, der nur für diesen Zweck da ist, ins Haus getragen, und dann ist Omas nächste Spezialität dran: Gläser füllen und luftdicht verschließen, danach ist noch nie ein Glas schimmelig geworden.
Für uns Kinder beginnt dann der schwerere Teil: Kein Probieren mehr in dieser „frischen“ Phase, denn es sind noch Gläser vom letzten Jahr da.
Und im Winter ist klar: Auf jede unserer Fragen „Gibt es was Süßes?“ kommt automatisch die Antwort „Die Speisekammer ist voller Marmelade“.
Als Kinder haben wir uns über solche Antworten geärgert. Und heute würde ich alles dafür geben, diese Worte nur noch ein einziges Mal zu hören.
Ein Glas Marmelade ist Familie.
Ein Glas Marmelade ist Kindheit.
Ein Glas Marmelade ist Erinnerung.
Und nein, so etwas kauft man nicht im Laden.
Heute Morgen stehe ich früh auf, vor allen anderen, denn meinem Körper ist es egal, dass Samstag ist und ich ausschlafen könnte.
Bereit und voller Tatendrang für den neuen Tag.
Ich schalte die Kaffeemaschine ein.
Ich stecke Brot in den Toaster.
Ich nehme Butter und Marmelade aus dem Kühlschrank.
Wie jeden Morgen.
Während der Kaffee in der Tasse langsam abkühlt, streiche ich Butter auf das heiße Brot und öffne ohne nachzudenken das Glas.
Es ist leer.
Ich versuche mich zu erinnern, wann es „zu uns gekommen“ ist, und begreife, dass vielleicht genau dieses Glas Aprikosenmarmelade das letzte war, das Oma gemacht hat.
Und wie vom Blitz getroffen wird mir klar, dass heute ihr Geburtstag gewesen wäre.
Und ich habe keine Marmelade mehr.


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