Ist das Narrativ Tu, was du liebst im Beruf etwas, das wir um jeden Preis anstreben sollten, oder nur eine moderne Utopie?
Ich bin gerade auf einen fantastischen Text von Mark Manson gestoßen (dem Autor eines meiner Lieblingsbücher überhaupt, „Die subtile Kunst des Daraufscheißens“). Kurz gesagt, Mark betont in einem Text auf seiner Website:
Wer sagt, dass du mit dem, was du gern tust, Geld verdienen musst?! Lasst uns normal finden, dass man einen Job von 9 bis 5 haben kann, der nichts direkt mit der eigenen Leidenschaft zu tun hat, aber trotzdem die Rechnungen bezahlt und einem die Möglichkeit lässt, in der Freizeit das zu tun, was man liebt.
Das hat mir einen „Aha“-Moment beschert.
Tu, was du liebst, um jeden Preis?!
Die Idee, seinen Träumen zu folgen, ist an sich nicht falsch. Im Gegenteil. Die ganze „Bewegung“ dahinter, dass du nicht dein ganzes Leben lang schuften und mit deinem Job unzufrieden sein sollst, sondern dich aufraffen sollst, um zufriedener zu sein, ist super.
Aber wie jede gute Idee hat auch diese ihre ursprüngliche Form verändert und ist zu einem Monster herangewachsen, das uns aus allen Ecken der Popkultur angreift und uns anschreit: „Wie, du verdienst keine Millionen mit dem, was du am meisten auf der Welt liebst, und das mit einem Dauerlächeln im Gesicht? Was stimmt nicht mit dir, so viele haben es doch geschafft…“
In einer idealen Welt, oder zumindest in jener imaginären voller Instagram-Gurus und erfolgreicher Träumer, ist „Tu, was du liebst“ ein Imperativ, von dem es scheinbar keine Abweichung gibt.
Aber ist das wirklich so?
Hut ab vor den Menschen, die es geschafft haben, ihre „Träume“ mit der Realität zu verbinden und davon zu leben.
Aber genauso Hut ab vor allen, deren Realität diesem aufgezwungenen Ideal nicht entspricht.
Tagesjob vs. Traumjob
Ja, am meisten auf der Welt liebe ich das Schreiben.
Aber nein, das Schreiben muss nicht meine Rechnungen bezahlen.
Dadurch, dass mein Schreiben nicht an das Brot auf dem Tisch geknüpft und damit belastet ist, ist es frei und kann frei leben und frei atmen.
Denn es hat etwas Befreiendes, dass „Tu, was du liebst“ nicht per se nur „Verdiene mit dem, was du liebst“ bedeuten muss.
Lasst uns die Idee normal finden, dass es völlig in Ordnung ist, einen Job von 9 bis 5 zu machen, der nicht viel mit euren Träumen zu tun hat, der es aber andererseits möglich macht, dass andere Qualitäten in den Vordergrund treten.
Ja, ich arbeite von 9 bis 5, in der IT, im Büro, obwohl ich eine kreative Seele bin. Und ich bin nicht die Einzige!
Aber genau das hat es mir ermöglicht, zu schreiben, was ich liebe, was ich fühle, ohne darüber nachzudenken und zu bangen, ob es mir Likes oder Klicks bringt oder genug Geld, um vom Schreiben allein bequem leben zu können.
Schreiben um des Schreibens und der Freude willen, Schreiben, das frei und an keine Bedingung geknüpft ist.
Du bist dein Job?!
Ich bin die Erste, die dafür eintritt, dass jeder im Leben genau das machen sollte, was ihm guttut und ihm irgendeine Art von Erfüllung bringt, sei es Geld, ein gutes Arbeitsumfeld, die Arbeit selbst oder etwas ganz anderes. Und natürlich kann man nicht in jedem Job all das finden.
Aber was, wenn wir im „Tagesjob“ neben dem Geld einen neuen, anderen Teil von uns entdecken? Einen Teil, der im Dunkeln kauerte, verdrängt vom Ideal eines „kreativen Lebens“? Und warum sollten wir diese beiden Teile von uns nicht zusammenbringen, ohne schlechtes Gewissen oder das Gefühl, weniger wert zu sein?
Denn wir sind nicht unser Job oder unser Titel! Und doch werden wir sehr oft genau darauf reduziert.
Überlegt mal: Wenn ihr jemanden kennenlernt, wird er euch bestimmt irgendwann fragen, was ihr beruflich macht. Und eure Antwort wird, da bin ich mir ganz sicher, eure Berufsbezeichnung oder euer Studienabschluss sein.
Und genau so definieren wir uns selbst gesellschaftlich: „Ich bin mein Job.“
Aber das sind wir nicht!
Wir alle sind viel mehr als das.
Ja, ich kann gleichzeitig Autorin, Mama, Bibliophile, Feministin, Ehefrau und IT-Beraterin sein. All das bin ich. Und jede dieser Rollen bringt bestimmte Qualitäten und Skills von mir an die Oberfläche.
Deshalb lasse ich mich nicht auf eine einzige Sache festlegen und lasse mich nicht auf die Idee eines „idealen“ Irgendwas ein, in diesem Fall eines idealen Jobs.
Abgesehen davon, dass ich eine kreative Seele bin und am liebsten auf der Welt schreibe und lese, liebe ich auch neue Technologien, ich bringe Menschen gern etwas bei, was sie vorher nicht wussten, zeige ihnen einen einfacheren und effizienteren Weg, etwas zu erledigen, und überhaupt helfe ich Menschen unglaublich gern.
Und siehe da, in meinem jetzigen Job sind genau diese Qualitäten in den Vordergrund getreten.
Und obwohl ich nie von diesem Job „geträumt“ habe, mache ich ihn schon seit über einem Jahr wirklich mit einem Lächeln im Gesicht.
Ich schreibe, weil ich es liebe, nicht weil ich muss!
Was speziell das Schreiben betrifft, hat die Geschichte immer wieder gezeigt, dass viele Autorinnen und Autoren bereits abgesichert waren oder einem anderen Beruf nachgingen und in ihrer Freizeit schrieben. Mich inspiriert diese Idee sehr, und sie nimmt mir den Druck.
Die Vorstellung vom Schriftsteller (Künstler), der, auch wenn er hungert, sein kreatives Schaffen immer über seine existenziellen Bedürfnisse stellt, ist am Ende genau das: eine romantische Vorstellung.
Die Realität sieht ganz anders aus. Niemand kann mit leerem Magen kreativ sein, oder ohne Dach über dem Kopf, während er friert.
Virginia Woolf, die die Sicht auf dieses ganze Thema verändert hat, schrieb schon 1929 in einem der bedeutendsten Werke der Literatur, „Ein Zimmer für sich allein“:
„Intellectual freedom depends upon material things. Poetry depends upon intellectual freedom. […] And when each of us has five hundred [pounds] a year and a room to ourselves; when we are accustomed to freedom and the courage to write exactly what we think“ (Virginia Woolf, „A Room of One’s Own“)
Lange Zeit war auch ich dem Gedanken verfallen, dass mein Wert darin liegt, „wie erfolgreich ich in dem bin, was ich tue, was ich schon immer tun wollte“. Und natürlich ging es mir damit nicht gut.
Ich habe aktiv daran gearbeitet, dass es wahr wird, aber bis jetzt ist es das noch nicht. Und natürlich habe ich deshalb sehr an mir, meiner Kreativität und meinen Fähigkeiten gezweifelt.
Und dann habe ich entdeckt, dass ich nicht die Einzige bin und dass es völlig okay ist, einen Day Job zu haben, der einem Spaß macht, aber direkt nichts mit dem zu tun hat, womit man sich „schon immer beschäftigen wollte“.
Einerseits, hey, ich bin erst dreißig und ein paar Zerquetschte. (Nein, nicht alles im Leben muss bis zum 30. Geburtstag passieren!)
Andererseits, wenn etwas jetzt noch nicht passiert ist, heißt das nicht, dass es nie passieren wird.
Und wenn es nicht passiert, ist das auch okay.
Heißt das, dass ich mit dem Schreiben aufhören sollte?
Nein, ich bin nicht dafür, Träume zu töten und mich von Konzernen ausbeuten zu lassen, aber ich bin dafür, Illusionen zu zerschlagen!
Erst als ich mich und mein Schreiben von dieser Art Druck befreit habe, dass es erfolgreich sein und davon gelebt werden muss, habe ich angefangen, mich von den Fesseln zu befreien, die ich mir selbst angelegt hatte.
Denn alles, was man muss, trägt eine gewisse Last in sich und verliert seinen ursprünglichen Zauber.
Ihr seid nicht weniger kreativ, nicht weniger Autorin oder Künstler, wenn ihr euer Brot auf andere Weise verdient.
Was auch Elizabeth Gilbert in ihrem genialen Buch über Kreativität und Schreiben betont:
„He didn’t quit his day job to follow his dream; he just folded his dream into his everyday life.“ (Elizabeth Gilbert, „Big Magic“, 2015, S. 82)
Kämpf für deine Träume, immer.
Aber lass dein Leben nicht in Bedauern vergehen, weil du sie nicht so lebst, wie andere es von dir erwarten.
Herzlich,
S-Mama



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