Wie oft habt ihr von euren Eltern, Verwandten, Freunden, Omas und Opas gehört, dass ihr mit eurem Baby etwas müsst oder nicht dürft, weil man das eben so macht?
Am bekanntesten ist die 40-Tage-Regel. Dieser Brauch bedeutet ein Verbot für Mutter und Kind, das Haus zu verlassen, solange nicht genau 40 Tage vergangen sind. Und im selben Zeitraum gehört es sich, ebenfalls nach diesem Brauch, das Baby zu besuchen und zu beschenken.
Ich habe mich immer gefragt: Warum?
Viele Verfechter dieses Brauchs können nicht erklären, warum das so ist, sondern sagen einfach: Das macht man so, oder so haben es unsere Alten gemacht, so haben wir es gemacht, also musst du es auch. Kaum jemand kann den „wahren“ Grund nennen.

Sofias Urgroßmutter kam aus Serbien, um bei ihrer Urenkelin zu sein, und nicht, um allen zu erklären, wie man etwas zu machen hat.
Mir waren das keine überzeugenden Gründe, also habe ich versucht, die Wurzeln dieses Glaubens bei der Person aus meinem engsten Umfeld zu erfahren, die am ehesten helfen konnte, diesen Mythos zu entschlüsseln: bei meiner Oma. Sie sagt, man glaube, die Mutter verliere ihre Milch, wenn sie vor Ablauf dieser Frist das Haus verlässt. Und von meiner anderen Oma habe ich die Version gehört, dass jemand Baby und/oder Mama mit dem bösen Blick verhexen könnte, wenn er sie außerhalb des eigenen Hofes sieht.
Das alles ist Aberglaube. Und von Argumenten, die mich von der Richtigkeit dieses Brauchs überzeugen könnten, keine Spur.
Mich persönlich stören mehrere Aspekte dieses Brauchs sehr.
Erstens, dass einem verboten wird, an die frische Luft zu gehen! Ich kann mir nicht vorstellen, länger als ein paar Tage in geschlossenen Räumen zu sein. Was ich darüber denke, wann und warum es wichtig ist, mit dem Baby rauszugehen, könnt ihr im Text Spaziergang mit Baby: Wann geht es los? lesen.
Andererseits verstehe ich, dass die Situation vor hundert oder mehr Jahren ganz anders war. Nicht alle hatten die Möglichkeit, ein Baby unter hygienischen Bedingungen zur Welt zu bringen (das Durchtrennen der Nabelschnur, die Plazenta und ihre Reste, die in der Frau zurückbleiben konnten, und tausend andere Komplikationen). Es gab viel mehr Geburten mit leider tödlichen Folgen für Mutter und Kind.
Also mussten die Menschen fehlendes Wissen und fehlende Argumente mit Aberglauben rechtfertigen.
Meine Oma hat mir auch erzählt, dass ihre Mutter (meine Urgroßmutter) nach jeder Geburt (es waren vier) auf Stroh auf dem Boden liegen musste statt in einem normalen Bett, und dass sie auf keinen Fall mit den anderen am Tisch sitzen und essen durfte, sondern auch auf dem Boden aß, weil sie für sie unrein war. Das hat mich schockiert und als Frau gekränkt! Aber so war es. Heißt das, dass es heute auch noch so sein muss? Und dass wir um jeden Preis an Dingen festhalten sollten, nur weil man sie früher so gemacht hat? Natürlich nicht!
Es stimmt, dass sich eine Frau nach der Geburt „reinigt“, also fast genau sechs Wochen, sprich 40 Tage, blutet. Und ich glaube, dass es deshalb leichter war, sie vor möglichen Infektionen zu schützen, indem sie die „Sicherheit“ ihres Zuhauses nicht verließ.
Das stimmt alles, aber wir leben im 21. Jahrhundert. Die Wissenschaft hat seeehr große Fortschritte gemacht. Frauen bringen ihre Kinder unter hygienischen Bedingungen und unter fachlicher Aufsicht zur Welt, und damit ist das Risiko solcher Komplikationen deutlich geringer als früher.
Versteht mich nicht falsch, ich habe nichts gegen unsere Traditionen, ich respektiere und liebe sie, aber nur, wenn sie Sinn ergeben und niemandes Gesundheit gefährden.
Dass eine Wöchnerin zusammen mit ihrem Baby eine Gefangene im eigenen Zuhause sein soll, ist für mich nicht akzeptabel. Ein Baby soll sich an die Welt gewöhnen, wie sie ist, und frische Luft atmen (egal, in welcher Jahreszeit es geboren wurde).
Besuch in den ersten 40 Tagen
Baby und Mama stecken sich eher nicht an, wenn sie jeden Tag ein bisschen frische Luft schnappen, als wenn einer der vielen Gäste, die durch das Zuhause des Neugeborenen defilieren, eine Krankheit einschleppt. Denn es ist ebenfalls Brauch, dass möglichst viele Menschen das Baby genau in den ersten 40 Tagen sehen.
Und glaubt mir, frischgebackene Eltern brauchen gerade in diesen ersten Wochen dringend Zeit, um ihr Baby kennenzulernen, sich an ein völlig neues Leben zu gewöhnen, und natürlich Schlaf. Ihnen ist ganz sicher nicht danach, aufzuräumen und unzählige Gäste zu bewirten, auch wenn es der Brauch verlangt.
Ein Leben weit weg von der ganzen Verwandtschaft hat auch seine guten Seiten, und eine davon ist, dass man genau diesen Brauch nicht erfüllen muss. Trotz der Ratschläge vieler war ich keine 40 Tage Gefangene in meinem eigenen Zuhause, und wir mussten auch nicht jedes Wochenende neue Gäste empfangen. Ich brauchte damals vor allem Ruhe und Zeit, die Bedürfnisse meines Babys kennenzulernen, und genau das hatte ich. Darüber bin ich unendlich glücklich.
Wenn ihr also trotzdem vorhabt, Mama und Baby nach diesem Brauch in den ersten 40 Tagen nach der Geburt zu besuchen, dann bietet lieber eure Hilfe im Haushalt an, statt zu erwarten, bewirtet zu werden, und ihnen zu erklären, wie sie etwas machen oder nicht machen sollen. Das bedeutet jungen Eltern viel mehr als das strikte Festhalten an irgendeinem Brauch mit der Begründung, dass man das eben so macht.
Herzlich,
S-Mama

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