Seit Marko und ich geheiratet haben und ganz allein und völlig selbstständig in Deutschland leben, bekommen wir die unterschiedlichsten Kommentare, nicht nur zu unserer Art zu leben, sondern auch dazu, wie wir uns finanzieren. Irgendwie scheinen viele zu glauben, dass wir Familie, Ehe und Elternschaft nur „spielen“, statt zu sehen, dass wir erwachsene Menschen sind, die gemeinsam manchmal das Unmögliche schaffen.
Ganz abgesehen von allem anderen liegt das größte Problem eigentlich darin, dass Marko und ich noch studieren. Dass wir beide schon ein Studium in Serbien abgeschlossen haben, hilft nicht: Viele verstehen einfach nicht, warum wir mit einem weiteren, noch dazu postgradualen Studium „Zeit verschwenden“. Wann wollen wir überhaupt aufhören zu lernen? Ist es nicht längst an der Zeit, „unser eigenes Brot in die Hand zu nehmen“ (was eigentlich heißen soll, dass wir endlich etwas ARBEITEN)?
Und da fange ich an zu kochen.
Nein, Geld wächst nicht auf Bäumen
Leben wir auf Kosten unserer Eltern, in ihrer Wohnung und von ihrem Gehalt? NEIN! Wir leben über tausend Kilometer von beiden Elternpaaren entfernt in UNSERER Wohnung, also einer Mietwohnung, die wir aber selbst bezahlen. Hier ist es übrigens ganz normal, dass Menschen ihr Leben lang zur Miete wohnen, sie sind einfach nicht aufs Besitzen fixiert, aber dazu ein andermal mehr.
Marko und mir war von Anfang an klar, worauf wir uns einlassen, und dass es vor allem finanziell nicht leicht wird. Wir haben uns alles SELBST erkämpft und zahlen seit jeher alle Rechnungen gewissenhaft und pünktlich.
Wie knapp das Geld manchmal auch ist, wir haben gelernt, das zu genießen, was wir haben.
Versteht mich nicht falsch, wir leben nicht ärmlich, aber auch nicht ganz so, wie sich die Menschen auf dem Balkan das Leben in Deutschland vorstellen. Ich habe nämlich den Eindruck, dass die meisten denken, wer in Deutschland lebt, muss im Geld schwimmen und ist verpflichtet, allen in der Heimat zu helfen und Geschenke zu schicken. Aber nein, vor unserem Haus wachsen an den Bäumen leider immer noch Blätter und kein Geld.
Hier lebt es sich viel schöner und sorgloser, alles ist bis ins Kleinste geregelt, und dadurch ist es viel leichter, sich zu organisieren, aber auch, sich nach der Decke zu strecken.
Und wenn wir jetzt unser Brot nicht von eigener Arbeit (dem Lernen) verdienen, was heißt das dann? Dass wir betteln? Oder dass wir uns mit unseren Leistungen im Studium ein Stipendium verdient haben? Ich würde eher Letzteres sagen. Niemandem fällt etwas in den Schoß, uns auch nicht. Stunden über Büchern, im Lesesaal oder zu Hause, Prüfungsstress und all die anderen Sorgen, die echte Studierende kennen, also die, die wirklich lernen, um etwas zu wissen, und nicht nur, um ein Diplom zu bekommen und danach irgendetwas zu machen und stolz darauf zu sein, es hinter sich zu haben.
Am Anfang haben wir beide Stipendien bekommen, die nicht besonders hoch waren, deshalb mussten wir nebenher auch arbeiten. Die wichtigste Rolle haben dabei gute Organisation und grenzenloses gegenseitiges Verständnis gespielt. Wir wussten, wann wir arbeiten müssen, wann wir uns mehr aufs Lernen konzentrieren müssen und wann wir auch genießen können. Und wir haben uns nie bei jemandem beklagt. So viel wir haben, so viel haben wir. Es gehört uns, und fertig. Und wir laufen auch nicht herum und fragen andere ständig: Habt ihr Geld? Wie wollt ihr eure Rechnungen bezahlen? Wann fangt ihr endlich an zu arbeiten? Und so weiter.
Um Himmels willen, wie lange wollt ihr noch lernen?!
Und wenn wir dann noch sagen, dass das nicht das Ende ist und wir danach auch promovieren wollen, dann fällt den Leuten erst recht die Kinnlade herunter, und sie fragen sich um Himmels willen, wie lange denn noch.
Was mich angeht: ein Leben lang, und selbst das ist zu kurz, um alles zu erfahren, was ich gern wissen möchte.
Kopfarbeit ist körperlich kaum auszuhalten
Nein, man kann nicht ewig studieren, und das sollte man auch nicht, aber man kann eine akademische Laufbahn einschlagen. Lernen ist per se Arbeit. Es gibt keine festen Arbeitszeiten, keinen Chef, der einem im Nacken sitzt (oder vielleicht doch?), kein Gehalt jeden Monat, aber es ist Arbeit. Und Selbstdisziplin und gute Organisation sind der Schlüssel zum Erfolg.
Unsere Arbeitszeit geht von der Öffnung des Lesesaals um 8 Uhr bis zu seiner Schließung um 22 Uhr. Und wenn es „eng“ wird, geht die Arbeit zu Hause bis spät in die Nacht weiter. Das Wochenende ist eher ein theoretisches Konzept, denn nein, die Prüfung besteht sich nicht von allein, die Hausarbeit schreibt sich nicht von selbst, und es interessiert niemanden, dass heute Sonntag ist.
Versteht mich nicht falsch, ich habe enormen Respekt vor allen, die arbeiten, vor denen ohne und denen mit Hochschulabschluss. Ich finde nur, dass jeder seine eigene Wahl trifft, je nach seinen Wünschen und Möglichkeiten. Manche lernen nicht gern und merken, dass sie dafür nicht gemacht sind, also lassen sie es und fangen früher an zu arbeiten. Das ist absolut in Ordnung. Aber es gibt auch uns, die wir am liebsten ein Leben lang lernen würden und denen diese Art von Arbeit am meisten liegt.
Es geht doch wohl darum, ein Leben lang das zu tun, was wir lieben, und wenn das Lernen ist, dann lasst uns lernen, ob mit oder ohne Studium. Und schließlich ist auch die Arbeit an der Uni Arbeit, oder? Oder zählt nur körperliche Schufterei als „richtige Arbeit“?
S-Mama


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