Ich bezeichne mich gern als Optimistin, aber eigentlich bin ich wohl eher eine Idealistin. Die Welt um mich herum sehe ich positiv, aber von mir selbst erwarte ich das Ideal. Die Erwartungen anderer sind nicht das Problem. Auf die habe ich nie geachtet. Am schlimmsten sind die Erwartungen, die wir an uns selbst stellen.
Sehr oft setze ich mir zu große und zu ehrgeizige Ziele, und wenn ich sie nicht erreiche, obwohl ich mich bemüht habe, bin ich von mir enttäuscht. Ich halte mich dann für faul und denke, ich hätte es viel besser machen können. Und dann wurde ich Mutter, und das alles hob sich auf ein ganz neues Level.
Konkret habe ich mir zum Ziel gesetzt, in diesem Semester meinen Master abzuschließen (also noch zwei Prüfungen zu bestehen und die Masterarbeit zu schreiben), mich für die Promotion zu bewerben und mir, also meiner Familie, ein Stipendium zu sichern. Und bei alldem darf unsere Familie, vor allem unser Töchterchen, nicht zu kurz kommen. Ich will nicht zulassen, dass ihr die Mutter fehlt und dass wegen anderer Verpflichtungen jemand anderes mein Kind großzieht. Ich habe sie schließlich zur Welt gebracht, weil ich sie wollte, und nicht, weil sie darum gebeten hat. Deshalb ist sie meine, unsere Verantwortung, und nicht die von Oma, Opa, anderen Verwandten oder den Nachbarn.
Dazu kommen noch alle Verpflichtungen meines Mannes: in diesem Semester seine Prüfungen abschließen, ein sechswöchiges Praktikum machen und etwas Geld verdienen, damit wir leichter atmen können.
Und wir leben allein in der Fremde.
Wir beide haben einen schönen Plan gemacht, wie wir das alles schaffen, und kamen zu dem Schluss, dass wir unsere Eltern um Hilfe bei der Betreuung des Babys bitten müssen. Aber es ist nicht realistisch zu erwarten, dass sie ihr Leben in Serbien stehen und liegen lassen und immer dann bereitstehen, wenn es uns passt.
Da musste sich die Idealistin in mir der Realität stellen. Nein, ein Tag hat nicht 50 Stunden, sondern nur 24. Ja, ein Mensch muss schlafen, um zu überleben, das ist einfach seine Natur. Nein, ich kann nicht beeinflussen, wann und wie lange Sofia schläft, wie sie gelaunt ist und hundert andere Dinge, die wir als Eltern gern steuern und kontrollieren würden. Dann begreifen wir, dass ein Kind eben kein Roboter ist und dass man es nicht programmieren kann. Sie hat ihre eigenen Bedürfnisse und ist noch viel zu klein, um sie in Worte zu fassen, und als dass wir ihr erklären könnten, dass sie dies oder jenes muss. Sie muss gar nichts!
Also habe ich mir selbst eine Ohrfeige der Realität verpasst und gesagt: Komm, mach mal halblang. Warum muss alles sofort und jetzt sein? Muss es nicht! Setz dir Prioritäten, schraub deine Erwartungen herunter und damit auch deine Verpflichtungen. Und immer mit der Ruhe.
Am wichtigsten ist mir, für mein Töchterchen da zu sein. Alles andere steht an zweiter, fünfter, zehnter Stelle.
Da Marko mehr Prüfungen übrig hatte und sein Studium insgesamt anspruchsvoller ist, habe ich beschlossen, in diesem Semester vor allem bei Sofia zu sein und die Vorlesungen für meine zwei restlichen Prüfungen zu besuchen und sie zu bestehen. Im nächsten Semester kommt sie in die Kita, und dann kann ich meine Masterarbeit schreiben und die Bewerbung für die Promotion vorbereiten, denn es ist mir sehr wichtig, dass alles gut wird, dass ich mein Bestes gebe und es nicht schnell irgendwie erledige.
Ich habe mich und meine Ziele nicht aufgegeben. Ich habe nur verstanden, dass mich jetzt jemand mehr braucht. Und dass ich viel entspannter und glücklicher bin, wenn ich nicht mit schlechtem Gewissen zwischen Bibliothek und Zuhause hin und her renne, weil ich heute nicht genug Zeit mit Sofi verbracht oder nicht genug für meinen Master getan habe.
Wer ist schuld an den zu hohen Erwartungen? Wir selbst!
Wir Frauen sind wirklich furchtbar zueinander, und auch zu uns selbst. Alles müssen wir perfekt machen: perfekt aussehen, das perfekte Gewicht haben, kochen, die Kinder betreuen, im Job die Besten sein, Sport treiben, das Zuhause immer blitzblank halten, und die Liste geht endlos weiter. Und wenn wir nicht alles erfüllen, was wir einander oder uns selbst als Norm gesetzt haben, fühlen wir uns unerfüllt und weniger wert. Und ich sage: Schluss damit!
Jede von uns ist perfekt, Punkt! Und diese Perfektion definieren wir selbst, vor allem, indem wir unsere Wünsche, aber auch unsere Möglichkeiten realistisch betrachten. Es ist ehrlicher, sich zu sagen Das schaffe ich jetzt nicht und am Ende des Tages glücklich zu sein, als sich viel zu viele unrealistische Anforderungen zu stellen und am Ende des Tages niedergeschlagen zu sein, weil wir nichts oder nur einen Teil davon geschafft haben.
Ich bin glücklich.
Ich verbringe viel Zeit mit Sofia, weil ich weiß, dass ich diese Zeit nie zurückbekomme. Ich gehe regelmäßig zu den Vorlesungen und stimme mich mit meinem Mann über die übrigen Studienpflichten ab. Und jeden zusätzlichen freien Moment nutze ich zum Lesen oder Schreiben, sei es für die anstehende Masterarbeit oder für meine Seele. Und all das macht mich glücklich.
Und genau deshalb bin ich eine Supermama.
Herzlich,
S-Mama


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