Als Mama eines Mädchens weiß ich selbst nicht, wie oft ich „mein braves Mädchen“ oder „sei ein braves Mädchen“ gesagt und damit unbewusst das „Brave-Mädchen-Syndrom“ genährt habe. Aber was bedeutet es eigentlich?
Sei brav heißt vor allem sei gehorsam (um nicht zu sagen unterwürfig).
Sei nicht laut.
Fall nicht auf.
Mach dich klein, damit du nicht zu viel Platz einnimmst.
Überlass das Spielzeug, den Platz, die Position jemand anderem.
Und natürlich, sei keine Bedrohung für Jungen.
Denn brave Mädchen widersprechen niemandem.
Brave Mädchen streiten mit niemandem.
Brave Mädchen lächeln immer.
In ihrer Gesellschaft fühlt sich niemand schlecht oder unwohl.
All das führt dazu, dass wir darauf programmiert werden, unterwürfig zu sein und die Bedürfnisse und Gefühle anderer über unsere eigenen zu stellen.
Dass wir aus dem Weg gehen und schweigen.
Weil wir brave Mädchen sind.
Natürlich ist all das gesellschaftlich anerzogenes Verhalten und ein Hauptmerkmal des Patriarchats, in dem Mädchen und später Frauen in eine untergeordnete Rolle gedrängt werden.
Es ist gefährlich und scheinheilig, dass wir diese Unterordnung hinter der Floskel „braves Mädchen“ als „positive“ Eigenschaften verkaufen.
Jungen werden anders erzogen
Sie dürfen laut sein, weil sie Jungen sind.
Sie dürfen Chaos machen, weil sie Jungen sind, die stecken halt voller Energie.
Niemand ermahnt sie im selben Ton und mit demselben Unterton, denn „ein braver Junge sein“ lässt sich keinesfalls mit dem vergleichen, was es heißt, „ein braves Mädchen“ zu sein.
Und deshalb ist es gesellschaftlich akzeptiert, jedes männliche Verhalten mit dem bekannten „boys will be boys“ zu entschuldigen, und sogar der Ausdruck „Bad Boy“ gilt als etwas Sexy und Aufregendes und nicht als etwas Negatives.
Das ist das Patriarchat „in a nutshell“.
Und mit den Jahren (wenn wir erwachsen werden) vergeht das alles nicht.
Brave Mädchen werden zu „braven Frauen“.
Und „Jungs bleiben eben Jungs“ (boys will be boys).
Und aus diesen Jungen werden Männer, die glauben, die ganze Welt müsse ihnen untergeordnet sein, vor allem weil sie Männer sind.
Diese Jungen kränkt die „Ungerechtigkeit“, dass Frauen, stellt euch vor, jetzt für ihre Rechte kämpfen, also in ihren Augen versuchen, ihnen etwas wegzunehmen, das ihnen von Natur aus zusteht.
Deshalb kränkt sie auch der Barbie-Film.
Deshalb finden sie es nicht okay, wenn sich eine Frau die Haare kurz schneidet.
Wenn eine Frau mehr verdient als sie.
Oder eine bessere Position hat, die sie, stellt euch vor, nicht „nur weil sie eine Frau ist“ bekommen hat, sondern wegen ihrer Kompetenz.
Wenn sie laut und deutlich „NEIN“ sagt.
Wenn sie nicht ständig lächelt.
Wenn sie auf der Straße denen, die ihr entgegenkommen, nicht ausweicht.
Wenn sie ihre Meinung sagt.
Denn das alles sind „Eigenschaften von Jungen“, und das passt nicht in die Matrix.
Darum ist es Zeit, keine „braven Mädchen“ und „bösen Jungs“ mehr zu erziehen
Lasst uns zur Abwechslung selbstbewusste, gesunde Kinder erziehen, unabhängig davon, mit welchem Geschlecht sie geboren wurden oder welche Rolle die Gesellschaft ihnen anerzieht!
Wenn ich an „brave Mädchen“ denke, muss ich an die Szene aus Titanic denken, in der Rose, gerade dabei, endgültig aus dem Kokon des „braven Mädchens“ auszubrechen, bei einem der Abendessen mit ihrer Mutter und deren Freundinnen sitzt (bei dem ihre Mutter sie und ihre Bedürfnisse natürlich nicht ernst nimmt, denn was sie sagt, muss zu dem passen, was von ihr erwartet wird).
Am Nachbartisch sieht Rose ein Mädchen, nicht älter als fünf oder sechs, das brav und gehorsam mit weißen Handschuhen den Rücken gerade macht und wie eine „richtige kleine Dame“ eine weiße Serviette auf den Schoß legt, damit es sich beim Essen nicht schmutzig macht.
Das ist der Wendepunkt im Film, denn Rose begreift, dass auch sie von Geburt an darauf „trainiert“ wurde, genau so zu sein: ein braves Mädchen. Und dann fängt sie endlich an, so zu handeln, wie sie sich fühlt, gegen alle „Regeln“.
Ich bin als braves Mädchen aufgewachsen
Immer brav.
Gut erzogen.
Nie frech und laut.
Nie ungehorsam.
Immer die Regeln befolgt.
Immer alle Kästchen abgehakt.
Immer Autoritäten respektiert.
Aber ich will nicht, dass Sofka ein braves Mädchen ist.
Ich will den Kreis, in dem wir uns seit Jahrhunderten drehen und den ich schon angefangen habe zu durchbrechen, weiter aufbrechen und endlich beenden.
Ich will, dass sie laut ist.
Dass sie laut lacht und ihre Meinung sagt, auch wenn niemand ihrer Meinung ist.
Dass sie laut und deutlich „NEIN“ sagt zu allem, was ihr nicht guttut (ja, sogar zu uns als Eltern oder zu jeder anderen Art von „Autorität“).
Dass sie sich nie kleiner macht, damit andere größer wirken.
Dass sie sich nicht schämt, etwas zu wissen, und sich nicht vom Gegenteil überzeugen lässt, nur weil andere selbstbewusster auftreten.
Ich will, dass sie jedes Mal, wenn ihr jemand sagt „aber Dinosaurier sind Spielzeug für Jungs“, mit ihrem „Ja, und?!“ kontert.
Ich will kein braves Mädchen mehr sein! Und ich will kein braves Mädchen erziehen!
Ich will ein starkes, selbstbewusstes Mädchen erziehen!
Eines, das weiß, was es will, und keine Angst hat, im Leben alles zu erreichen.
Eines, das genau sagt, was es fühlt, und seine Gefühle nicht unterdrückt „zum Wohl der anderen“.
Und das seine Bedürfnisse über die Erwartungen anderer stellt.
So ein Mädchen versuche ich zu sein.
So ein Mädchen soll Sofka sein.
So ein Mädchen soll jedes Mädchen und jede Frau auf der Welt sein!
Ändern wir das Narrativ!
Ich bemühe mich, Sofka nicht mehr zu sagen, dass sie ein braves Mädchen ist, sondern dass sie ein starkes Mädchen ist.
Ein mutiges Mädchen.
Dass sie alles kann und nichts muss.
Mir wurde oft gesagt, dass ich die Welt nicht verändern kann.
Ich habe bewiesen, dass ich es kann.
Ich habe die Chance bekommen, Mama zu sein und ein neues Leben auf diese Welt zu bringen.
Und wenn dieses Leben bewusster und besser ist als die Standards, die vorher galten, wenn das nicht heißt, die Welt zu verändern, dann weiß ich nicht, was es heißt.
I did it. So can you.
Herzlich,
S-Mama


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